Dank der Gruppe kommen viele vom Alkohol weg, bekommen ihr Leben und auch ihre meist durch den Alkohol gebröckelte Partnerschaft wieder in den Griff. Der evangelische Pfarrer Fritz Delp, der im Rahmen seiner seelsorgerischen Tätigkeit an der Costa Blanca auch mit den Schicksalen von Alkoholikern konfrontiert wird, beschreibt aus seiner Erfahrung zwei Haupttypen von Trinkern:
„Gewohnheitstrinker und Problemtrinker." Bei den einen fängt es damit an, dass Alkohol im neuen, freizeitbetonten Leben einfach dazugehört. „Anfangs kommt viel Besuch, mit dem gefeiert und getrunken wird, und dann kommt wieder Besuch, und irgendwann gehört der Alkohol zum Leben."
Die anderen trinken eher aus Frust, ältere Menschen, die mit ihrem neuen Rentnerdasein nicht zurecht kommen, dazu der Wechsel in ein fremdes Land, die dadurch fehlenden Sozialkontakte zur Familie und dem alten Freundeskreis, dabei gleichzeitig das Unvermögen, sich ein neues soziales Netz aufzubauen. Das fehlende Korrektiv durch Familie, Freunde oder den Arbeitsplatz ebnet den Weg in den Alkoholismus dabei noch mehr, als es im Heimatland eventuell der Fall wäre.
Freizeitbeschäftigungen, in denen der zwischenmenschliche Kontakt im Vordergrund steht, und nicht nur Feiern und Trinken sind notwendig.
„Alkoholismus ist ein extrem komplexes Thema", sagt Dr. med. Bert Logtenberg. Seit rund sieben Jahren befasst sich der 40-jährige niederländische Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit den vielen Facetten der Problematik Alkohol-Drogen-Gewalt, aber auch mit psychischen Problemen bei älteren Menschen. Seit fünf Jahren ist er an der Costa Blanca tätig, auch in Senioren- und Pflegeheimen
Nur rund drei bis fünf Prozent aller Alkoholiker, so der Arzt, gelangen zu der Selbsterkenntnis, dass sie dem Alkohol verfallen sind und entscheiden sich für den Entzug. Wie viele Menschen an der Costa Blanca betroffen sind, weiß keiner. Einig sind sich jedoch alle, die mit der Problematik vertraut sind, dass die Dunkelziffer enorm hoch ist.
Als Edith 1963 nach Benidorm kam, stieg ihr Alkoholkonsum, erleichtert durch das berufliche Umfeld, aber auch durch den obligatorischen Wein zum Essen und die Drinks beim Ausgehen. „Das gehört in Spanien halt dazu."
Als dann Anfang der 70er einschneidende private Probleme auftraten, bekam Alkohol eine neue Qualität, einen anderen Stellenwert. „Fünf Jahre habe ich sehr stark getrunken, aber als Alkoholikerin habe ich mich selbst nie gesehen." Das tat der Arzt, als sie 1976 mit starken Depressionen am Tiefpunkt angelangt war und zur Behandlung in die Klinik kam. Er stellte ihr ihre Zukunft klar vor Augen: „Sie haben keine Zukunft, wenn Sie weiter trinken." Alkoholismus ist langsamer Selbstmord.
Edith schaffte den Weg aus der Abhängigkeit. 1979 gründete sie die erste deutschsprachige Gruppe der Anonymen Alkoholiker an der Costa Blanca.
Der erste Schritt, der körperliche Entzug, muss unter medizinischer Aufsicht, gegebenenfalls in einer Klinik erfolgen, um weitere Schäden zu verhindern. Nur in Alicante und Valencia gibt es darauf spezialisierte öffentliche Krankenhäuser.
Wird diese Behandlung noch von der Krankenkasse oder der Seguridad Social bezahlt, so ist es beim nächsten Schritt, der Psychotherapie schon schwieriger. Zudem sind die spanischen Gesundheitsämter weder personell noch sprachlich vorbereitet.
Die Psychiater arbeiten nur wenige Stunden pro Woche, wochenlange Wartezeiten auf Termine sind die Regel. Deutschsprachige Therapeuten, die von der heimatlichen Kasse bezahlt werden, gibt es nicht, lediglich einige wenige Privatärzte.
Bleiben zwei Möglichkeiten: die Rückkehr ins Heimatland oder die Bezahlung aus eigener Tasche. Bei 60 bis 75 Euro pro Therapiestunde - und das ein- bis zweimal pro Woche über Monate hinweg ist kein Pappenstil.
Umso wichtiger ist die Arbeit der Anonymen Alkoholiker (AA). Die Gesprächsgruppen finden unter Gleichgesinnten statt, in der eigenen Sprache, die Teilnahme ist kostenlos.
Die trockenen Alkoholiker erzählen unsentimental, ohne Beschönigungen, teils in drastischer Offenheit von ihrem Weg durch die Hölle. Der Verlauf der Krankheit, sagen sie lakonisch, sei stets der gleiche, es geht immer nur bergab. Die Menschen dort wissen: "Man braucht diesen Punkt, an dem es nicht mehr tiefer geht, um einzusehen, dass man da nicht mehr hin möchte." Daher seien auch die neuen Mitglieder so wichtig, weil sie den anderen immer wieder vor Augen halten, wo sie selbst herkommen - und wo sie nicht mehr landen möchten.
Niemand ist vor Alkoholabhängigkeit geschützt. Das bedeutet nicht, auf das kühle Bier am Strand oder den kräftigen Tinto zum Essen verzichten zu müssen. Doch sollte man sich angesichts der besonderen Lebensumstände an der Costa Blanca vielleicht mehr noch als im vertrauten Umfeld zu Hause fragen, warum man trinkt. Der Einstieg in den Alkoholismus geschieht hier schnell, darin sind sich alle einig.
Susanne Hesse
IMP-Agentur